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"Literatur als Performanz/Performance im öffentlichen Raum"

"Poetry Slam"

"Menschenrechte lesen"



U-Bahnstation 'Westhafen', oder: Die Menschenrechte lesen


Die Menschenrechte schreiben 1U-Bahn-Haltestelle Westhafen - Der Standort für das (Sprach-)kunstwerk "Die Menschenrechte schreiben"

Die vorliegende Untersuchung ist der Frage nachgegangen, ob und inwiefern das Sprachkunstprojekt 'Die Menschenrechte schreiben' (Schein/Reiter 2002) als Darstellung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte pragmatisch-kommunikative Dimensionen aufweist und sich an Rezipienten richtet (Im Rahmen einer linguistischen Untersuchung wurden bereits inhaltliche, formale und funktionale Aspekte des Projektes erörtert. Vgl. Warnke 2003).




Die Menschenrechte lesen - Die Rezeption eines Sprachkunstprojektes im öffentlichen Raum

Dabei ist festzuhalten, dass 89% der Passanten das Objekt trotz der allgemeinen öffentlichen Zeichenschwemme, die die Aufmerksamkeit und Konzentration vieler Menschen behindert, wahrnehmen. Die formale Gestaltung fällt dem Betrachter sofort ins Auge und wird selbst an einem Durchgangsort wie einer U-Bahnstation wahrgenommen. Das Projekt 'Westhafen' wird insofern zu einem Kommunikationsmedium, als es 69% der Fahrgäste vom bloßen Betrachten zum Lesen der Texte animiert. Das Medium Sprache hat in dieser Arbeit damit seine primäre Funktion erfüllt. Trotzdem fällt auf, dass 20% der Befragten von der Wahrnehmung nicht unmittelbar zur Rezeption gelangen, was auf die Form des Projektes zurückzuführen ist.


Die Menschenrechte schreiben 2Die 'Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (1949) an der Wand der U-Bahnstation. Wir untersuchten, ob die Aussage des Textes durch die Art seiner Präsentation besser wahrgenommen wird

Bei der Rezeption der Arbeit ist eine deutliche Dominanz der formalen Gestaltungsmittel zu erkennen. Die roten Begriffe ziehen das Auge auf sich (46% bewerten sie positiv) und stellen gut lesbare Zeichen dar. Auch die fehlenden Satzzeichen und Spatien erwecken bei 71% Interesse am Objekt, erschweren jedoch für die Mehrheit der Befragten (75%) die Rezeption, so dass diese formale Veränderung des Basistextes für die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Menschenrechten hinderlich ist. Um die Menschenrechte den Passanten zugänglich zu machen, sollte die Form zwar auf den Inhalt aufmerksam machen, aber derart, dass sie die Rezeption des Inhaltes befördert und sie nicht durch ästhetische Überhöhung bzw. Verfremdung erschwert. Mehr als die Hälfte der Befragten (58%) empfindet die übrigen formalen Gestaltungsmittel (Kreis, Baum, Rechteck etc.) als das Lesen erschwerend. Durch die überhöhte ästhetische Gestaltung wird - entgegen der Intentionen der Künstlerinnen - eine Abkehr von den Inhalten erreicht, was die Botschaftswahrnehmung der Befragten verdeutlicht.
Das Projekt soll die Rechtsreflexion fördern, aber nur 58% beantworten die Frage nach einer Botschaft und rund 20 % nennen eine wirkliche Botschaft. Besonders auffällig dabei ist, dass sich die 58% der Befragten, die eine Botschaft wahrnehmen, zu 40% aus Personen mit höheren Schulabschlüssen (Hochschule, (Fach-)Abitur) und zu 11% aus Realschulabsolventen zusammensetzen. Nur 7% der Hauptschüler und der Personen ohne Abschluss nehmen eine Botschaft wahr. Gerade denjenigen, denen die Menschenrechte zugesprochen werden müssten, weil sie aufgrund ihrer kürzeren Bildungslaufbahn i.d.R. weniger Kontakt damit hatten, bleiben die intendierten Botschaften verborgen.
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte bildet das Zentrum der Sprachkunstdarstellung, wobei durch die Kombination mit den anderen Texten unterschiedlicher Herkunft eine Interpretation der UN-Deklaration intendiert wird. Diese Textverbindung wird von den meisten Befragten (48%) aufgrund ihrer Verortung gar nicht wahrgenommen. Des Weiteren wird die von den Künstlerinnen behauptete Kohärenz und damit die Tiefenstruktur der Texte von den meisten Rezipienten nicht erkannt.


Die Menschenrechte schreiben 3"Die Auflösung der Identität" - das dieser Darstellung zugrunde liegende Heinrich-Heine-Zitat wirkt bei näherer Analyse wenig schlüssig

Da in den seltensten Fällen weder die Art des Objektes noch die Botschaft (und damit implizit die Funktion) der Texte benannt werden können, fällt es den meisten Passanten schwer, eine Kohärenz herzustellen und somit die Textkombination als sinnvoll zu erachten.
Demzufolge geben fast die Hälfte der Passanten (48%) an, dass ein durchschnittlicher Fahrgast das Projekt nicht verstehen könne. Ein großer Anteil derer, die das Objekt für verständlich halten (nur 38%), hat es selbst nicht verstanden, so dass die wenigsten Passanten dieser Gruppe (13%) eine Botschaft der Texte benennen können.
Das Projekt wird von vielen (63%) als kulturelle Bereicherung empfunden, auch wenn nur wenige Passanten eine Botschaft wahrnehmen. 54% halten das Objekt für nicht subsituierbar, was vor dem Hintergrund der fehlenden Botschaften und der Bewertung der Form darauf hindeutet, dass es für die Mehrheit der Befragten vor allem eine formal-ästhetische Attraktivität besitzt. Die ornamentale und ästhetische Verwendung der Schriftzeichen und Symbole hat für viele eine Abwendung vom Inhalt zur Folge. 'Die Botschaften laufen Gefahr, Opfer ihrer machtvollen Erscheinungsformen zu werden.' (Tönnies 1996, S. 79)


Die Menschenrechte schreibenAuch an Hand solcher bezugsloser Darstellungen erscheint eine Verbindung zwischen künstlerischer Intention und erzielter Wirkung fragwürdig

Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass der 'Nicht-Ort' des U-Bahnhofes für die Mehrheit der Befragten zu keinem Ort der Menschenrechtsreflexion wird. Auch wenn 69% die Texte lesen, reflektieren nur wenige darüber.




Autoren: Tina Berger & Christoph Heise 2005




Literaturverzeichnis

Tönnies, Axel: Schriftbilder und Sprachzeichen. Eine Kunst des öffentlichen Raumes. Die Analyse konzeptueller Sprachkunst in öffentlichen Räumen unter Einbindung stadtsoziologischer Aspekte. Kassel: MA 1996, S. 78.

Schein, Françoise u. Barbara Reiter: Die Menschenrechte schreiben. Köln: Middendorf 2002.

Warnke, Ingo: Von der Kunst die Menschenrechte zu schreiben. Die Berliner U-Bahnstation Westhafen als Text. In: Deutsche Sprache 4 (2003), S. 364-378.